Projektmanagement – von der Idee zur Umsetzung unseres Erasmus+ Schulprojekts

Von der Idee und der Durchführung unseres Key-action-2 Erasmus+ Projekts „My way into the digitalized and globalized working world“

Von Michaela Köser-Segschneider und Agathe Sering-Muth

 Wie kamen wir zu der Idee unseres Erasmus+-Schulprojekts „My way into the digitalized and globalized working world“? Wie haben wir den Plan in die Tat umgesetzt und wie binden wir Partner und Experten für realistische Lernmöglichkeiten ein?

Die Idee – Digitalisierung von Branchen und Berufen

Die Digitalisierung in den Branchen und Berufen geht so schnell voran, dass diese Entwicklung auch uns als berufsbildende Schule vor eine große Herausforderung stellt. Nicht zuletzt sind auch Schüler*innen bei der Berufswahl verunsichert. Dies verdeutlicht die Reaktion einer Schülerin, die zwar nach eigenen Angaben immer schon Bankkauffrau werden wollte, aber nun verunsichert sei, da es aufgrund von Onlinebanking vermehrt zur Schließung von Bankfilialen gekommen ist. Sie fragt sich, ob es eine Zukunft für sie in dieser Branche gäbe. Das hat uns nachdenklich gemacht. Was sollten wir ihr als Schule antworten? Auch für uns Lehrkräfte ist die digitale Entwicklung in der Arbeitswelt neu. Es gibt kein Kapitel in den Schulbüchern zu diesem Thema. Wir müssen unsere eigenen Antworten finden. In einer internationalen Zusammenarbeit mit einer italienischen und einer französischen Schule haben wir eine Strategie für eine Zusammenarbeit zu diesem Thema entwickelt. Wir waren uns einig, die Entwicklungen durch die Einbindung von Unternehmen und Experten auf nationaler und internationaler Ebene kennen lernen zu wollen. Dabei fanden wir viel Unterstützung durch die Förderung der EU im Rahmen des Key-Action-2 Erasmus+ Programms und der Nationalen Agentur NaBiBB.

Digitalisierungsprozesse – Industrie 4.0

Wir haben ein Programm und eine Strategie entwickelt, um mehr über die Entwicklungen in den für unsere beteiligten Partnerschulen relevanten Branchen und Berufen zu erfahren. Zunächst haben wir Statistiken und Prognosen untersucht und gelernt, dass jede Branche von der Digitalisierung betroffen sein wird. Für Unternehmen wird es viele Veränderungen geben. Das heißt für die Berufswahl unserer Schüler*innen, dass für sie Kenntnisse über Digitalisierungsprozesse in jedem Beruf wichtig sind. Schlüsselwörter sind „Industrie 4.0“ oder „Internet of Things“. Beide Begriffe werden synonym verwendet. Der Begriff „Industrie 4.0“ bezieht sich auf den Begriff der industriellen Revolution. Die aktuelle Revolution wird durch Vernetzung, Automatisierung, maschinelles Lernen und Austausch von Echtzeitdaten bewirkt. Mit einfachen Worten bedeutet es, dass Maschinen Informationen ohne menschliche Einwirkung austauschen. Zum Beispiel der intelligente Kühlschrank, der „weiß“, welche Lebensmittel benötigt werden, und diese selbstständig beim Supermarkt bestellt. Die Digitalisierung ist eine sehr rasante Entwicklung, und jedes Unternehmen hat ein unterschiedliches Tempo, sich den Möglichkeiten anzupassen. Jedes zweite Industrieunternehmen verwendet bereits eine Anwendung im Rahmen des Industriestandards 4.0[1]. Aber nur eines von acht mittelgroßen Unternehmen integriert eine Robotertechnologie im weitesten Sinne[2]. Wir kamen also zu dem Schluss, dass wir uns nicht nur auf die Erkenntnisse von Unternehmen konzentrieren wollen, sondern uns auch von IT-Beratern, Journalisten, einer Handelskammer und einer Gewerkschaft  beraten lassen wollten. Dies ermöglicht uns einen besseren Überblick, wie Digitalisierung Branchen und Berufe beeinflusst.  

Konsequenzen für Lehr- und Lernprozesse

Neben der fachspezifischen Auseinandersetzung müssen wir im Projekt entscheiden, was für unsere Schülerinnen und Schüler relevant ist und wie wir die Inhalte unterrichten wollen. Auch wollten wir für uns herausfinden, welche Möglichkeiten Digitalisierung für den Unterricht bietet und wie wir unser didaktisches Vorgehensweisen zu verbessern können.

Wir wollen, dass die Schülerinnen und Schüler stärker in ihren Lernprozess über die Digitalisierung von Unternehmen eingebunden werden. Sie sollen die Möglichkeit haben, über Inhalte und Methoden mitzubestimmen, eigene Problemlösungsstrategien zu entwickeln und theoretische und praktische Erfahrungen zu sammeln. Aber es ist uns auch wichtig, dass sie ihre Informationen in einem Kommunikationsprozess mit Unternehmen, Experten und Auszubildenden austauschen und überprüfen. Die Schüler*innen, die in ihrem Lösungsansatz von den Experten ernst genommen werden, mit denen sie sich auf fachlicher Ebene austauschen, erleben Wertschätzung und Interesse für weitergehende Fragen.

Wie sieht dies nun praktisch aus? Nach einer Einführungs- und Sensiblilsierungsphase in das Oberthema haben die Schüler*innen Schwerpunktthemen gebildet, zu denen sie in internationalen Teams recherchieren konnten. Sie haben Unternehmenserkundungen  in Kleingruppen organisiert und anschließend Podiumsdiskussionen bzw. Pressekonferenzen geleitet. Die Präsentation der Ergebnisse war vielfältig. Sie haben Informationsmaterial in Form von Artikeln, Infografiken, Erklärvideos, Websites, Comics, Nachrichtensendungen, Podcasts und digitalen Quizzen erstellt. Ein Highlight für uns Lehrkräfte war, dass wir uns im Rahmen des Projekts mit Professor Wassiliols Fthekakis getroffen haben. Er ist ein Experte für den Bereich Bildung und Pädagogik und gleichzeitig Ehrenpräsident des Didacta Verbandes der Bildungswirtschaft. Er hat uns neue wissenschaftliche Erkenntnisse vermittelt und wir hatten Gelegenheit für einen informativen Austausch. Was uns viele wertvolle Impulse gegeben hat.

Auswirkungen der Digitalisierung auf die Zusammenarbeit

Durch mehrere Unternehmenskontakte, konnten wir erfahren, dass die Abflachung von Hierarchien eine der wichtigsten Konsequenzen ist, die Digitalisierungsprozesse mit sich bringen. Es ist entscheidend, schnell und kreativ auf Veränderungen zu reagieren und das wiederum erfordert mehr Verantwortung und Initiative von den Mitarbeitern. Es gibt weniger langfristige Top-Down-Organisationspläne, stattdessen führen moderne Unternehmen Scrum als Organisationsmethode ein. Dies ermöglicht eine schnelle Anpassung der Pläne an Veränderungen und erfordert einen starken Teamgeist. Deshalb haben wir in unserem Projekt Verantwortlichkeiten für unsere Schüler eingebaut, indem sie für die herzustellenden Produkte selbst verantwortlich sind. Es gibt dabei immer Zwischenschritte (Sprints), in denen Qualität und Zusammenarbeit bewertet werden, um das Endprodukt zu verbessern. Der Lehrer ist ein Berater und Unterstützer im Entwicklungs- und Lernprozess. Das Projekt hat auch Einfluss auf die Zusammenarbeit zwischen uns Lehrern. Wir arbeiten nun öfter im Team zusammen, um Informationen auszutauschen und an Projekten zu arbeiten. Wir entwickeln uns gemeinsam und lernen voneinander. Was sich positiv auf unsere Arbeitsergebnisse und die Arbeitszufriedenheit auswirkt

 Schutz der Arbeitnehmerrechte

Die Digitalisierung kann die Arbeit zwar interessanter machen, weil Maschinen eintönige und einseitige Aufgaben übernehmen und den Mitarbeitern mehr Zeit bleibt. Sie kann zudem den Mitarbeitern die Arbeit physisch erleichtern, indem Maschinen schwere, belastende Aufgaben übernehmen. Aber auf der anderen Seite werden sich zahlreiche Arbeitsprozesse massiv verändern und ganze Tätigkeitsbereiche und Berufe werden wegfallen, was Arbeitnehmer wiederum als belastend empfinden können. Deshalb haben wir es für wichtig erachtet, eine Gewerkschaft in unser Projekt einzubeziehen. Die Jugendbeauftragte von Verdi aus der Region Bonn/Köln/Leverkusen, Frau Leah Spieß, stand uns für Fragen zur Verfügung und ist in einer weiteren Zusammenarbeit eingeplant. Die IHK haben wir eingebunden, um mehr über die Entwicklung von Ausbildungen zu erfahren. Der Geschäftsführer Berufsbildung und Fachkräftesicherung der IHK Bonn/Rhein-Sieg, Jürgen Hindenberg zeigte uns die konkreten Veränderungen von Ausbildungsberufen an den Beispielen der Berufsbilder im IT-Bereich auf.

Themen unserer Partner

Die durch die Fridays for Future Bewegung angestoßene Entwicklung hin zu mehr Umweltbewusstsein, veranlasste uns Green Economy als Herausforderung für Gesellschaft und Wirtschaft mit aufzunehmen. Diese Idee entstand in der Kommunikation mit unseren Projektpartnern in Italien. Ihre Region ist geprägt von Landwirtschaft und Tourismus. Dort ist Umweltbewusstsein zunehmend ein Wirtschaftsfaktor. Hier konnten unsere Partner Kooperationspartner für das Projekt gewinnen, die uns zeigten, dass man mit Umweltschutz und Nachhaltigkeit auch wirtschaftlichen Erfolg haben kann. Unsere französischen Partner bilden ihre Schülerinnen und Schüler für gastronomische Berufe aus und so war es ihnen ein Anliegen das Thema Entrepreneurship im Projekt zu verankern, denn für eine Vielzahl ihrer Schüler stellt die Selbstständigkeit eine berufliche Perspektive dar. Auch diesen Trend zum Entrepreneurship haben wir in unser Projekt aufgenommen, da er für alle unsere Schülerinnen und Schüler eine realistische Zukunftsperspektive darstellt. Zu diesem Zweck haben wir mehrere Start-Ups eingebunden, aber auch bereits etablierte Unternehmen wurden interviewt, um herauszufinden, welche Erfahrungen sie in ihrer Startphase erlebt haben. Die Einbindung von Digital Hubs erlaubt den Schüler*innen einen weiteren Austausch mit Experten. Der vierte Schwerpunkt ist die Globalisierung. Die Welt vernetzt sich über social Media und Reisen nicht nur gesellschaftlich, sondern auch Unternehmen haben internationale Lieferketten und Absatzwege. Europa ist ein Binnenmarkt für Unternehmen und Arbeitskräfte. In unserem europäischen Projekt wollten wir diese Perspektive für unsere Schülerinnen und Schüler ebenfalls herausstellen. Neben den beruflichen Perspektiven in Europa ging es uns auch immer um interkulturelle Aspekte in der Zusammenarbeit und Kommunikation in internationalen generationsübergreifenden Teams.

Arbeitsweise

Uns war klar, dass wir bei den aktuellen Themen ein agiles Projektmanagement wollten, denn nur so können wir auf Neuerungen und Entwicklungen am schnellsten reagieren. Hier wählten wir die Projektmanagementmethode Scrum, die aus der IT-Branche stammt. Neben der Flexibilität der Methode überzeugte uns die Arbeitsweise im Team, da hier viel in interdisziplinären Gruppen gearbeitet wird. So haben wir die Schülergruppen immer in gleicher Stärke international gemischt. Die Gruppen haben wir dann aber auch überwiegend beibehalten, um ein stärkeres Gruppengefühl herzustellen. Die Gruppen hatten auch immer Herausforderungen zu bewältigen. Sie mussten Unternehmensinterviews durchführen, Pressekonferenzen abhalten, ein Unternehmen aufbauen und digitale Präsentationen erstellen. Hier konnten sie nur erfolgreich sein, wenn sie als Team gut zusammenarbeiteten. Wichtig war uns auch die Einbindung der realen Welt. Schüler*innen mussten Experten selbstständig interviewen und Präsentationen erstellen, die veröffentlicht werden, diese Vorgabe erzeugte eine stärkere Ernsthaftigkeit und Verantwortung für ihre Ergebnisse. Das positive Feedback der Nutzer dieser Ergebnisse macht die Schüler*innen stolz und selbstbewusster.

  1. vgl. INDUSTRIE 4.0-Roboter werden für Mittelständler erschwinglich, von Felicitas Wilke, 21. Juli 2018, Wirtschaftswoche, https://www.wiwo.de/technologie/gadgets/industrie-4-0-roboter-werden-fuer-mittelstaendler-erschwinglich/22792188.html, entnommen 15.09.2020
  2. vgl. ebenda

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